Meine Geschichte ist keine besondere Geschichte. Sie ist nur eine von über 120.000 Multiple-Sklerose-Geschichten in Deutschland. Begonnen hat sie am 06. April 2004, wenige Wochen vor meinem Abitur.
Als ich an diesem Tag morgens aufwachte, spürte ich meine Beine nicht mehr. Die ganze linke Körperhälfte war taub. Zuerst dachte ich, das ist eine Art Muskelkater, weil ich am Abend vorher in der Disco war. Das wird schon wieder vergehen, hoffte ich, denn ich wollte noch am selben Tag nach Mailand, um mich an der Bocconi-Universität einzuschreiben. Ich hatte so darum gekämpft, einen Studienplatz an dieser tollen Uni zu bekommen. Da durfte jetzt nichts dazwischen kommen. Ziemlich gerädert stieg ich ins Flugzeug.
Die Ankunft in Mailand war ein Albtraum. Beim Aussteigen aus dem Flugzeug und beim Weg zum Gepäckband stürzte ich mehrere Male, ohne zu wissen warum. Die Beine knickten einfach weg. Als ich einem Freund, der mich am Flughafen abholte, von meinen Stürzen erzählte, lachte er nur. Er hielt das Ganze für einen Scherz. Ich aber bekam Angst und bat ihn, seine Mutter, eine Ärztin, anzurufen. Sie war sehr ernst und sehr klar: „Du musst ins Krankenhaus – jetzt sofort!“
Im Krankenhaus musste ich sechs Stunden warten, bis sich ein Arzt um mich kümmerte. Er meinte: „Nimm halt weniger Drogen.“ Aber ich hatte noch nie Drogen genommen.Danach musste ich wieder stundenlang warten. Um 1 Uhr nachts endlich erbarmte sich ein zweiter Kollege und führte einige Tests mit mir durch. Seine Diagnose war wie ein Schlag ins Gesicht. „Thrombose im Gehirn – Du kannst schon morgen gelähmt sein.“
Ich bekam Panik. Ich wollte nach Hause zurück zu meinen Eltern. Aber es war 1 Uhr nachts. Also versuchte ich, sie telefonisch zu erreichen. Ohne Erfolg. Ich musste die Nacht in der Notaufnahme verbringen – auf einem Flur, schlaflos und voller Angst.
Am nächsten Morgen brachte man mich in die Neurologie. Es begannen endlose Untersuchungen. Am Schluss wurde mir ein Schlauch in die Wirbelsäule gelegt. Ich schrie vor Schmerzen. Man kann sich diese Schmerzen gar nicht vorstellen, wenn man sie nicht selbst erlebt hat.
Am Nachmittag kam meine Mutter. Ich hätte mich eigentlich freuen sollen, aber ich spürte, dass etwas nicht stimmte. Sie hatte dunkle Augenringe – aufgequollene Augen, als hätte sie stundenlang geweint. Warum sagte mir niemand, was los war?
Die zwei Wochen Krankenhaus in trostlosen Behelfsräumen mit mehreren schwerkranken Patienten und ständig wechselnden Besuchern waren schrecklich. Immer wieder Spritzen, mehrmals Kernspintomographien und dann diese furchtbaren Kopfschmerzen verbunden mit starkem Schwindelgefühl. In diesen Tagen habe ich wieder beten gelernt.