Irgendwann war auch die Zeit im Krankenhaus vorbei. Aber eine Pause gab es nicht, obwohl ich mich ganz elend fühlte. Ich musste jetzt für mein Abitur büffeln.
Richtig arbeiten konnte ich nicht. Jede Nacht wachte ich wegen meiner Glieder- und Kopfschmerzen fünf-, sechs-, siebenmal auf. Kaum war ich eingeschlafen, wachte ich weinend wieder auf. Tagsüber konnte ich mich überhaupt nicht mehr konzentrieren. Ich war völlig am Ende. Aber ich musste arbeiten. Ich wollte doch ein gutes Abitur machen, um meinen Studienplatz nicht zu verlieren. Es waren furchtbare Wochen.
Endlich kam das Abitur – und ich habe es bestanden. Sogar sehr gut, mit der besten Note, die ich jemals hatte. Es war wie ein kleines Wunder.
Wenige Tage nach dem Abitur vermittelte mir mein Vater in München einen Termin bei einem wunderbaren Spezialisten, Professor Hohlfeld. Ich ging gerne zu dem Termin. Ich hoffte auf Medikamente, die mir endlich die Schmerzen nehmen würden. Und ich wollte natürlich erfahren, welche Krankheit ich hatte, denn meine Eltern hatten mir wegen meines Abiturs nie genau gesagt, was ich hatte.
Ich hatte also gute Laune, als ich in die Praxis ging. Selbst als mir Professor Hohlfeld sagte: „Nathalie, Du hast Multiple Sklerose, Du hast MS,“ dachte ich noch: „Gut jetzt wissen wir’s. Und wann hört das wieder auf?“ Aber Professor Hohlfeld war sehr ernst: „Diese Nervenkrankheit hört nicht auf. Sie ist unheilbar.“
Dann erzählte er mir von den Folgen der Krankheit, von den Nebenwirkungen der Medikamente, die das Leiden nicht stoppen, sondern nur das Fortschreiten der Krankheit verlangsamen.
Ich saß wie in Trance vor ihm und dachte: „Nein, das stimmt nicht. Ich werde nicht blind oder behindert – das passiert nur anderen, aber nicht mir.“ Irgendwie konnte ich das alles nicht richtig fassen.
In den Wochen danach ging es mir täglich schlechter. Meine Beine waren häufig taub und ich stürzte oft ohne jeden Grund. Nachts hatte ich ständig Schmerzen. Und ich hatte große Angst, Angst vor der Zukunft, vor den Folgen meiner Krankheit. Ich konnte nur wenig schlafen.Dreimal pro Woche musste ich mir eine Spritze setzen. Interferon-beta heißt das Medikament. Es soll helfen, das Fortschreiten der Multiplen Sklerose zu verzögern. Es ist ein gutes Medikament. Aber es hat zumindest bei mir heftige Nebenwirkungen. Jedes Mal, wenn ich mir die Injektionsnadel in den Bauch stach, fühlte ich mich, als sei ein Lastwagen über mich gefahren. Nach jeder Injektion hatte ich rund 15 Stunden heftige Glieder- und Kopfschmerzen.
Ich habe meinen Vater in diesen Tagen oft angeschaut. Er ist ein Mann, der gelernt tat, alles zu managen. Aber es gibt offenbar Dinge, die auch er nicht managen kann. Er hatte dunkle Ringe unter den Augen. Hatte auch er geweint?