Im Herbst zog ich endlich nach Mailand, um mein Studium zu beginnen. Aber die Krankheit bestimmte auch hier mein Leben. Ich konnte wegen weiterer Krankenhausaufenthalte an vielen Vorlesungen nicht teilnehmen. Das erste Examen durfte ich gar nicht erst mitschreiben, weil ich zu oft gefehlt hatte.
Nach einigen Monaten merkte ich, dass ich keine Chance hatte, das Studium fortzusetzen. Ich musste es abbrechen. Für mich fiel eine Welt zusammen. Ich hatte mich so auf dieses Studium gefreut.
Aber es gab auch gute Nachrichten. Ich bekam einen Job in einem schicken Modegeschäft zugesagt. Das war endlich wieder einmal ein Lichtblick. Als ich bei einem der Gespräche jedoch von meiner Krankheit erzählte, war die Stelle plötzlich wieder weg. Meine Krankheit war offenbar ein Risiko.
Aber es gab eine zweite Chance: Ich bekam die Möglichkeit, für eine Entwicklungshilfestiftung zu arbeiten. Aber nach der ersten Reise in ein asiatisches Entwicklungsland verboten mir die Ärzte weitere Reisen in derartige Länder. Das Infektionsrisiko war einfach zu hoch: „Nathalie“, sagten sie, „das ist viel zu gefährlich für Dich.“Das alles war jedoch nicht wirklich schlimm. Ich wusste inzwischen, dass viele MS-Kranke nicht nur an dieser schrecklichen Krankheit leiden, sondern sich darüber hinaus in einer zusätzlichen Notlage befinden. Menschen, denen es gesundheitlich und finanziell richtig schlecht ging, viel schlechter als mir. Ich habe das Glück, dass es mir wenigstens materiell gut geht. Und noch wichtiger: Ich habe eine Familie, die zu mir steht, und ich habe Freunde.
Eines Tages habe ich daher meinen Vater gefragt, ob wir nicht etwas für schwerstkranke Multiple-Sklerose-Patienten tun könnten. Vielleicht könnten wir eine Stiftung gründen, die ihnen wirtschaftlich und menschlich hilft, ihnen wieder Lebensfreude schenkt.
Ich erinnere mich noch wie heute, wie ich mit meinem Vater in der Firmen-Kantine in München saß und ihm diese Frage stellte. Ich dachte: „Hoffentlich sagt er ja, hoffentlich sagt er ja.“ Und er sagte ja. Ich habe mich selten so gefreut. Ich glaube, es war einer meiner schönsten Tage seit dem Ausbruch meiner Krankheit.