Susanne Kempf

Susanne Kempf

Meine MS in Meinem Leben © Susanne Kempf

""Ich möcht' der Knopf an Deiner Bluse sein, dann könnt' ich nah nah nah an Deinem Herzen sein!""" Der Schlagerbarde, der dies in den 60er Jahren sang, würde sich diesen Wunsch gut überlegen, würde er mich kennen.

Jeder Blusenknopf wird für mich zur Herausforderung, ich mag Blusen, man sieht darin so schön "aufgeräumt" auf. Aber die Knöpfe leiden unter meinen Fingern. Ich drehe an Ihnen, sie werden bei jedem Schließversuch verdreht, hin und her gerissen, ich versuche, sie möglichst fingerfertig durch das Knopfloch zu schieben, zu drücken, zu pressen. Der Schlagerbarde hätte als Knopf an meiner Bluse nichts zu lachen, würde sich vermutlich weit weg wünschen. Manchmal gelingt es mir, den Knopf rasch und ohne große Anstrengung zu schließen, manchmal gebe ich wütend auf, suche Hilfe, finde sie dann auch. Wie kann ein kleiner Knopf so viele Probleme machen, so viele Emotionen auslösen?

Ich habe Multiple Sklerose, meine Hände spielen deswegen nicht immer mit, versagen mitunter, verweigern den Dienst. Die Feinmotorik ist angeknackst. Manchmal sind die Hände kraftlos, die Finger gehorchen nicht. Im Laufe der Jahre habe ich mich eigentlich daran gewöhnt, dass so manche banale Tätigkeit zur Herausforderung wird. Mittendrin macht es mich dann doch wieder wütend. Wütend auf mich selbst wegen dieser Unfähigkeit, wütend auf die Krankheit, wütend auf das Schicksal.

Hilfe. An den "normalen" Tagen, an denen ich von meiner Krankheit so gut wie gar nichts merke, laufe ich wie jeder Mensch ohne MS, ich schwimme, steige Treppen, mache Sport, kann viel und zügig arbeiten, bin konzentriert und gut gelaunt. Dann gibt es wieder Tage, an denen ich zittrig auf den Beinen bin, die Schritte sich verhaken, die Peilung irgendwie nicht stimmt.

Die Diagnose. Ich sitze beim Neurologen. Seit Tagen ist es mir schwindlig, übel, ich fühle mich wie zerschlagen, die Hände zittern, mir fällt vieles aus der Hand, meine Schrift erscheint federleicht und krakelig. Die Arme schmerzen, ich laufe ruckartig, hakelig. Ich werde ins Sprechzimmer gerufen, schildere mein Anliegen, werde untersucht. Dann die Diagnose, klar, unverblümt und ohne lange Vorrede. "Sie haben mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit Multiple Sklerose." In mir wird alles starr, ich kann es nicht glauben, in mir wehrt sich alles. Dennoch beschleicht mich die Ahnung, es könnte wahr sein. Mein Onkel hatte die Krankheit mehr als 40 Jahre lang. Im Februar war er mit über 70 Jahren gestorben. Jetzt ist es Mai, ich scheine ein Erbe anzutreten. Meine erste Reaktion ist Abwehr. "Nein, das gibt es nicht, sicher ist es etwas anderes, keine Ahnung was, aber so eklig kann das Schicksal nicht sein. Ich will das nicht, ich brauche das nicht, also habe ich es nicht." Die Logik einer Geschockten, Fassungslosen, Zweifelnden, Verzweifelnden. Dann das aufmunternde ‚Angebot’. "Es gibt seit wenigen Jahren eine sehr gute Behandlungsmöglichkeit, ein Medikament. Interferon. Es wird jede Woche gespritzt, in den Muskel, Sie können das selbst machen. Es ist Ihre sehr gute Chance, trotz der Krankheit ein gutes Leben zu führen." Ich zögere nicht nur, ich wehre ab. Mein Instinkt sagt mir, dass ich die Diagnose akzeptiere, sobald ich der Behandlung zustimme. Wenn ich nicht zustimme, habe ich die Krankheit auch nicht. So einfach ist das. Ich verlasse das Sprechzimmer, den Arzt insgeheim zum Teufel wünschend, mit der lapidaren Aussage, dass ich nachdenken werde. Draußen wartet meine Mutter auf mich, ich nehme sie immer mit, wenn ich das Gefühl habe, dass etwas Unangenehmes kommen könnte. Ich knalle ihr die Worte des Arztes vor die Füße. "Er behauptet, es sei MS." Meine Mutter wird kreidebleich, rutscht auf ihrem Stuhl nach unten, sie weiß, was das bedeutet, kennt sie die Geschichte ihres Schwagers zu gut. Ich sage, dass es jetzt eine Behandlungsmethode gebe. Sie wird kerzengerade, strahlt mich fast an und meint, "Dann sind wir doch auf der sicheren Seite, wenn man was machen kann. Hast Du schon ein Rezept?" Ich verneine, sage, dass sie das vergessen könne, ich glaube die Diagnose nicht, der Neurologe müsse irren, das könne schließlich nicht sein, ich ließe mir dies nicht einreden. Meine Mutter sagt nichts, wir verlassen die Praxis. Zuhause tut sie etwas, was wohl nur Mütter machen, die ihre Kinder sehr gut kennen und einschätzen können. Sie spricht mit unserem Hausarzt, der mich seit meiner Kindheit kennt und genau weiß, wie ich ticke. Er sagt, ich solle am anderen Morgen zu ihm kommen. Zähneknirschend tue ich dies. Er hat inzwischen mit dem Neurologen gesprochen. Seine Erklärungen münden in der schlichten Aussage "Das ist deine große Chance, ohne die Behandlung kann es schwer werden." Ich glaube ihm, habe ich doch seit Jahren grenzenloses Vertrauen zu ihm. Auch zu meinem Neurologen. Aber er war der Überbringer der schlimmen Diagnose, der schlechten Nachricht. In lange vergangenen Zeiten wurden Überbringer schlechter Nachrichten erschossen, das kann ich nicht machen. Meine subtile Bestrafungsform ist die Verachtung, Missachtung. Des Arztes, der Diagnose. Jetzt, bei meinem Hausarzt, im Laufe des sachlichen, ruhigen Gespräches wird mir klar, dass ich mit dieser Reaktion nichts ändere. Meine ‚Rache’ träfe letztendlich nur mich selbst, nicht die Menschen um mich herum. Ich bin ein Mensch schneller Entscheidungen, verlasse die Hausarzt-Praxis, suche direkt noch einmal den Neurologen auf. Kaum bin ich dort, sitze ich schon im Behandlungszimmer. Vielleicht ahnt die Mitarbeiterin, dass ich abhaue und erneut alles ablehne, wenn man mir zuviel Zeit zum Nachdenken gibt. Der Arzt kommt, ich frage vorsichtshalber nach, ob er denn wirklich sicher sei, sich nicht zu irren. Er nickt. "Dann will ich ein Rezept, kann ich noch heute die erste Spritze haben?"

Kurz vor Weihnachten. Es sind noch wenige Tage bis Weihnachten, dunkle Gedanken geistern durch meinen Kopf. Ich bin schlecht gelaunt, alles nervt mich, die Dauerweihnachtslieder-Berieselung aus dem Radio, die vielfach gestellte Frage nach dem persönlichen ‚Weihnachtsstress’, die Weihnachtsdekoration in der Innenstadt. Das Erstaunen und die Wut darüber, dass sich kaum jemand mehr an den Sinn und Hintergrund des Festes zu erinnern scheint. Ich verkrieche mich in meinen vier Wänden, habe keinen Schwung. Zudem ist mir immer wieder schwindlig, ich fühle mich abgeschlagen, die Unterarme sind bleischwer. Als ich über die Badezimmerschwelle stolpere, reicht es mir. Ich gehe zum Neurologen. Eigentlich will ich nur von ihm hören, dass alles in Ordnung ist, er nichts Ungewöhnliches feststellen kann, ich mich zusammen reißen soll. Kaum hat er mich untersucht, hänge ich auch schon an einer von drei Cortison-Infusionen. Geschockt sehe ich zu, wie die ersten 1000 Milliliter in meine Armbeuge tröpfeln. Als er mir sagte, dass es mir wirklich nicht gut gehe, er mir Cortison geben wolle, merke ich entsetzt, wie mir Tränen in die Augen steigen. Nicht schon wieder, sechs Monate zuvor bekam ich auch die verhassten Infusionen, es ging mir hinterher einige Tage lang sehr schlecht, ich hasse und fürchte diese Therapie. Sie hilft, aber es ist ein schwerer Weg. Nach fünf Tagen wird es spürbar besser. Ich bin sehr abgeschlagen, aber optimistisch. Es wird stündlich besser. Ich kann wieder fast normal laufen, bleibe nicht mehr hängen, die Hände funktionieren, ich kann wieder ‚blind’ im Zehnfinger-Tastsystem auf meinem PC schreiben. Gutes Zeichen!

"Wenn man krank ist, lernt man es wieder zu beten." Ich bin in einer katholischen Familie groß geworden, die Ausübung des Glaubens gehörte von Kindheit an zu meinem Leben, war selbstverständlich. Gegen Ende meiner Schulzeit und im Studium fand ich es unerlässlich, alles zu hinterfragen, abzulehnen, was mit Glaube und Gott zusammenhing. Irgendwie war es wohl ‚chic’, zum Atheisten zu werden. Oder es sich zumindest einzubilden. Das Studium, die Lektüre unzähliger Bücher, die Auseinandersetzung mit dem Marxismus taten ihr übriges. Dann wurde ich irgendwann einmal krank, fühlte mich mehrere Wochen schlecht. In dieser Zeit lernte ich das Gebet wieder, neu, anders. Mein Empfinden, dass es eine beschützende Instanz gibt, an die man sich mit Sorgen, Ängsten wenden kann, die man um Hilfe bitten kann und die Hoffnung gibt, erwachte in völlig neuer Form. Stärker als früher, intensiv, überzeugt.

geblendet_im_lichtHeute gibt mir mein Glaube Kraft und Zuversicht. Ich bin nicht alleine. Ich habe die Hilfe erfahren. Allein schon durch Gespräche mit einem Religionslehrer, einem Priester, einem Rabbiner. Ich habe ihn gefunden, den tröstenden, helfenden, Mut machenden Glauben. In meiner Erkrankung sehe ich nicht den Fingerzeig eines ‚strafenden’ Gottes, vielmehr sehe ich in ihr die Chance, die schönen und guten Seiten des Lebens neu und anders zu entdecken. Und zu schätzen! Ist es richtig, sich erst dann wieder auf den Glauben zu besinnen, wenn es einem schlecht geht? Aber warum nicht, wer will dafür Maßstäbe setzen, ein Handbuch entwickeln, wann man beten und bitten darf? Ich bitte, bin aber auch dankbar, dass es mir gut geht, dass ich mit meinem Leben fertig werde, es schaffe, den Mut nicht verliere.

Meist sind meine Tage gut. Dies sehen Außenstehende vielleicht anders, aber ich empfinde mein Leben, meine Tage als gut. Auch wenn mich manches ärgert, nervt. Früher war ich ein Energiebündel, war gern unter Leuten, konnte den ganzen Tag arbeiten, vergaß manchmal die Pausen. Ich war unterwegs, traf mich mit Freunden, unternahm gerne viel. Heute ist mein Tag eingeteilt. Ich weiß, wann mir die Puste ausgeht, was mich zu sehr anstrengt, was nicht gut für mich ist. Ich führe heute ein Leben, das ich mir früher nicht vorgestellt hatte. Ich, die ich früher eine Langschläferin war, bin heute Frühaufsteherin. Meist ist die Nacht um 5 Uhr vorbei. Das ärgert mich oft. Aber es hat auch Vorteile. Ich bin ein Morgenmuffel, nach dem Aufwachen darf man mich für mindestens eine Stunde nicht ansprechen. Sonst werde ich grantig. Jetzt habe ich Zeit, lange am Frühstückstisch zu sitzen, ich muss mich nicht beeilen, kann in Ruhe abwarten, bis es hell wird, die Menschen um mich den Tag beginnen. Ich genieße es, mit einer Wanne voll Kaffee, der Tageszeitung und einem dicken Buch in den Tag zu starten. Den Vormittag verbringe ich am Schreibtisch, auf beruflichen Terminen, mit Arbeit. Nachmittags arbeite ich, so lange ich Kraft und auch Lust dazu habe. Und dann passiert das, was ich mir in gesunden Tagen nicht hätte vorstellen können. Nachmittags werde ich erschöpft. Spätestens ab 18 Uhr ist mein Tag vorbei. Das ist ein großer Einschnitt gegenüber meinem Arbeits- und Unternehmungsrhythmus in früheren Tagen. Ich war eine Nachteule, während des Studiums nachtaktiv, Seminararbeiten schrieb ich meist zu sehr später Stunde. Heute kann ich zu meinem großen Bedauern abends nichts mehr unternehmen, Kino, Konzerte, Theater gibt es für mich nicht mehr. Zumal ich spätestens dann, wenn es in einem Raum dunkel wird, todmüde werde. Schalte ich den Fernseher ein, erfahre ich beim spannendsten Krimi nicht, wer der Übeltäter ist. Ich greife in die Trickkiste, interessante Sendungen zeichne ich immer auf, sehe sie mir an, wenn ICH wach und fit bin.

Heute ist ein schöner Tag, es ist eiskalt, es geht mir gut dabei. Ich will wieder malen. Seit 2006 male ich. ICH! Niemals konnte ich mir vorstellen, dass ich überhaupt malen kann. In unserer Familie war immer Musik das große Kreativ-Thema. Von ‚Kempf-Kindern’ nimmt man grundsätzlich an, dass sie musikalisch sind. Musik-Gene liegen in der Familie. Alle Instrumente, die ich je lernte, kann ich heute nicht mehr spielen. Die Hände erlauben es nicht, sie sind manchmal zu unbeweglich, vor allem fehlt die Sensibilität in den Fingern. Ich spüre Tasten und Saiten nicht mehr. Nie hätte ich mir vorstellen können, dass ich dies einmal vermissen würde. 2006 riet mir meine Mutter, zu malen, um die Hände zu trainieren. Sie drückte mir Farben, Papier und Pinsel in die Hände mit der kurzen Aufforderung "Überleg nicht lange, mach!". Und ich machte.

Zu meiner großen Überraschung klappte es. Die Farben geben mir eine völlig neue Ausdrucksmöglichkeit. Ich versuche nicht, realistische Bilder zu schaffen. Ich will abstrakt Farbe, Gefühl, Stimmung, Empfinden auf das Papier werfen. Und nicht nur auf Papier. Seit einiger Zeit male ich auf Holz. Auf Sperrholzplatten und auf alte Regalbretter. Wenn ich male, denke ich an fast nichts Belastendes mehr. Nicht an meine Arbeit, vor allem nicht an meine Krankheit. Ich male dann einfach. Versuche, meine Ideen auf die Fläche zu bringen.

Meine ersten Bildformate waren sehr klein. Postkarten wirkten dagegen riesig. Ich traute mich noch nicht so recht. Kann ich so etwas? Sicher nicht. Kunst ist das, was ‚echte’ Künstler schaffen. Nicht ich. Ich bin keine ‚Künstlerin’, ich male schließlich nur so vor mich hin. Nach einigen Monaten wurde ich mutiger, die Bilder wuchsen. Nicht nur in ihrem Format, sondern auch in der Farbigkeit. Ich traute mich an Acrylfarben heran, die bisher verwendeten Aquarellfarben passten nicht immer zum ‚Motiv’. Ich wollte mit meinen Bildern laut rufen, manchmal schreien. Dazu brauchte ich intensive Farben, manchmal breite Pinsel. Pinsel? Nach und nach griff ich zu seltsam anmutenden ‚Geräten’, um die Farben zu bearbeiten. Ich hatte einige Spritzen-Ersatzkanülen vorrätig, die üblicherweise für Injektionen genutzt werden. Jetzt ‚rächte’ ich mich an meiner Krankheit, indem ich die Kanülen, die dem Ersatz beschädigter Kanülen dienen sollten, als ‚Pinsel’ gebrauchte. Ich fuhr mit der Spitze heftig durch die aufgetragene Farbe, bizarre ‚Blumen’ entstanden. Die Furchen und Linien auf dem Papier ermöglichten neue Eindrücke, auch brachten sie meine Stimmung zum Ausdruck. Energie, Aufbruch, Ausbruch. Mit den Linien breche ich aus trüben Gedanken aus. Trübe Gedanken? Das klingt traurig, ist es aber nicht. Trübe Gedanken, Nachdenklichkeit, Empfinden, Vorfühlen und Nachverarbeitung gehören zum Leben, zum Menschen. Nicht immer kann der Mensch fröhlich, heiter, unbefangen sein. Fröhliche Stunden kann ich nur empfinden und genießen, wenn ich auch die grauen Stunden erlebt habe und kenne. Jeder Mensch macht sich Gedanken zu Entwicklungen, Situationen, muss Entscheidungen treffen. Und dies ist nicht immer lustig. Ich sehe mittlerweile an meinen Bildern, wie es mir in der jeweiligen Entstehungssituation geht. Dunkle Farben zeigen trübe Stimmung, helle Farben, rot, gelb, weiß zeigen mir, dass es mir gut geht. Zu meiner großen Überraschung und Freude gibt es unter meinen inzwischen sehr zahlreichen Bildern nur wenige dunkle Bilder. Und auch auf denen sind viele helle und farb-fröhliche Flecken zu sehen.

Ich male mich inzwischen durch das Leben, aus der Krankheit heraus. Sind meine Finger unangenehm steif, male ich, um sie beweglicher zu machen. Geht es mir gut, male ich, um meine Fröhlichkeit und Freude, Schwung, Elan einzufangen. Bin ich trüber Stimmung, male ich, um die dunklen Gedanken abzufangen. Meist ist mir am Ende eines Bildes ‚bunt’ zumute. Ich male weiterhin meistens mit Acrylfarben, mische sie auf den Bildern mit Aquarellfarben, kippe Wasser über das fertige Bild, trockne es mit dem Fön, beobachte, wie sich das Bild entwickelt. Ich male mit Zahnstochern, Wattestäbchen, Plastikmessern, Draht. Nichts ist vor mir sicher. Tapetenrollen und Holzplatten sind toll, da werden die Formate immer größer.

Wenn es mir so gut tat, so viel Auftrieb gab, wenn ich Zuspruch und Lob bekam, dann musste es doch möglich sein, diese Zufriedenheit, dieses positive Selbstwertgefühl auch anderen zu vermitteln. Wenn es mir mit meiner MS gut tat, mit meinem neuen Hobby offensiv mit meiner Erkrankung umzugehen, so musste es doch andere MS-Erkrankte geben, die dieselbe Erfahrung machten oder machen konnten.

Eine Idee entstand in mir. Ich wollte andere Menschen mit MS suchen, die auch malen und gemeinsam mit mir eine Ausstellung zusammenstellen und präsentieren wollten. Ich ahnte noch nicht, dass ich damit eine Lawine los trat. Nach einem Aufruf im Internet meldeten sich innerhalb weniger Tage zahlreiche Künstler, die ebenso wie ich an MS erkrankt sind. Die Zuschriften und Anrufe zeigten mir die Bandbreite der Erkrankung. Hatten manche von ihnen Probleme beim Laufen oder saßen gar im Rollstuhl, erzählten andere, dass sie abgesehen von gelegentlichen Schüben fast gar nichts von ihrer Erkrankung merkten. Gemeinsam war allen die Freude am Malen. Einige zeichnen und malten bereits seit ihrer Kindheit und Jugend, pflegten dieses Hobby auch nach ihrer Erkrankung, hatten andere so wie ich erst nach der Diagnose zur Malerei gefunden. Es meldeten sich erstaunlich viele Frauen, was mich zu der ernsthaften Überlegung brachte, ob wir Mädels tatsächlich extrovertierter, Männer hingegen ‚schüchterner’ sind. Eine Antwort habe ich bis heute nicht gefunden.

Die neue Gelassenheit. Meine MS tut mir gut. Ich habe durch sie eine andere Lebensqualität gefunden. Klingt im ersten Moment irreal, durchgeknallt. Eine Erklärung ist notwendig. War ich früher rastlos, irgendwie immer auf der Suche, habe ich jetzt eine große innere Ruhe gefunden. Während und nach meinem Studium, in den Berufsjahren danach war ich nie ganz zufrieden mit dem, was ich aktuell geschafft hatte. Ich wollte besser sein, hoch gesteckte Ziele erreichen. Als Sozialarbeiterin wollte ich immer die Lebenssituation meiner Schützlinge so schnell wie möglich verbessern, Als Projektbeauftragte beim DGB Bayern war ich immer auf der Suche nach Wegen, wie ich auf die berufliche Situation von Frauen aufmerksam machen kann, bei meiner Tätigkeit in der Industrie war ich immer bemüht, möglichst viel zu lernen, mein Wissen zu verbessern, zur Zufriedenheit meines Arbeitsgebers (und meiner eigenen) tätig zu sein. Zwischenziele waren mir wichtig, hatte ich sie erreicht, schaute ich bereits wieder nach neuen Etappenzielen oder ‚dem großen, finalen Ziel’. Im Studium war uns dies ein Stück weit vorgegeben worden, niemals auf dem Erreichten ausruhen, weitermachen, weiter lernen, weiter denken, weiter planen. Dies konnte ich nicht mehr abstellen. Auch nicht, als ich das Studium hinter mir hatte. Politikwissenschaftler saugen anscheinend eine Dialektik des Denkens und Handelns schon mit der Immatrikulation auf.

Auch im Privatleben war ich meist rastlos, brauchte Termine, Ziele, auf die ich mich hinfreuen konnte. Ich war gerne mit vielen Menschen zusammen, lud häufig Freunde ein, brauchte oft Wirbel um mich herum. Nie war ich eine ‚Partynudel’, die ständig unterwegs war und gar über die Stränge schlug, aber ich brauchte es, immer auf irgendwelche Treffen hinzuleben. Ein leerer Terminkalender war mir – auch im Privatbereich – ein Gräuel.

Schlecht konnte ich NEIN sagen, einen Termin nicht wahrnehmen, wollte niemanden enttäuschen, wollte immer ein strahlendes Bild abgeben. Niemand sollte auf die Idee kommen, dass mir etwas keinen Spaß macht, ich auch mal angenervt bin oder schlechte Laune habe. Niemals wollte ich jemanden vor den Kopf stoßen oder womöglich brüskieren. Immer versuchte ich, den Erwartungen zu entsprechen.

Heute ist dies anders. Erwartungen habe ich vorwiegend nur noch an mich. Ich erwarte von mir, dass ich sinnvoll mit meiner Kraft, mit meiner Gesundheit umgehe. Ich kenne meinen Biorhythmus sehr gut, weiß, dass ich am Vormittag meistens sehr tatkräftig bin, es ab dem Nachmittag mit meiner Fitness abwärts geht, ich am Abend zu wenig zu gebrauchen bin. Heute versuche ich nicht mehr, allen an mich gerichteten Erwartungen zu entsprechen. Termine am Abend nehme ich – wenn auch zu meinem Bedauern - nicht mehr wahr. Es hat keinen Sinn, wenn ich mich zwinge, am Abend etwas zu unternehmen. Ich weiß, dass ich dies nicht schaffe, es mir nicht gut tut. Zumal dann, wenn ich nachmittags zur Ruhe gekommen bin.

Ich habe es mir abgewöhnt, die Gesunde, Starke zu geben, der auch die MS nicht wirklich etwas anhaben kann. An schlechten Tagen fällt es mir schwerer als sonst, gleichmäßig zu laufen. Dies vertusche ich nicht mehr, greife auch zum Gehstock, wenn mir dieser Sicherheit gibt. Allerdings siegt an dieser Stelle häufig noch die Eitelkeit. Ich stehe jetzt auch zu meiner Krankheit, bitte um Unterstützung, wenn ich sie brauche. Dies kann an der Supermarkt-Kasse sein, wenn ich Probleme habe, Münzen aus dem Geldbeutel zu fischen. Dies kann bei der Anprobe eines Kleidungsstücks sein, wenn ich den erwähnten Knopf nicht zu fassen bekomme. Oder es kann bei einer Veranstaltung sein, wenn ich um einen Sitzplatz bitte, wenn es mir schwer fällt, zu stehen.

Und ich gehe offensiv und ehrlich mit meiner MS um. Ich versuche nicht mehr, sie zu verhüllen. Ich spreche offen darüber, wenn es die Situation notwendig macht oder gebietet.

Ich ruhe heute in mir. Ich genieße die Zeit, in der ich mich wohl fühle, mit offenen Sinnen. Ich genieße es, am Abend ohne schlechtes Gewissen ausruhen zu können, in aller Ruhe in einem dicken Roman zu schmökern, während sich andere irgendeinem Freizeitstress hingeben zu müssen glauben. Ich mache ohne Hemmungen den Fernseher an, wenn ich abschalten will, zu müde bin, irgendetwas Sinnvolles zu tun. Ich versuche nicht mehr, Anforderungen oder Klischees zu entsprechen. Ich stehe zu meinen körperlichen Einschränkungen, schäme mich nicht mehr dafür. Und ich gehe mit weitaus offeneren Augen durch die Welt, sehe heute, was ich früher nicht sehen konnte oder wollte. Viele Menschen gießen Weichspüler über ihr Leben, spielen eine Rolle, zeigen das Gesicht, das man von ihnen erwartet. Es gibt wohl niemanden, der nicht ein Problem mit sich herum trägt. Aber kaum jemand hat den Mut, dazu zu stehen.

solche-tageNach der Diagnose war ich unzufrieden, zweifelte, verzweifelte fast. Das wollte ich nicht. Ich suchte nach meinen Möglichkeiten. Und fand sie. Heute gehe ich entspannt an mich, mein Arbeitsleben, mein Leben heran. Ich definiere den Wert meiner Tätigkeit nicht mehr nach Stunden. Vielmehr betrachte ich die Ergebnisse meines Tuns. Ich erkannte, dass ich von Frühmorgens bis nach der Mittagsphase ein Hoch habe. Dann kann ich schaffen, schuften, denken, planen, entwickeln. Ab dem Nachmittag geht meine Energiekurve stetig nach unten, ab dem späten Nachmittag ist mit mir nicht mehr viel anzufangen. Konsequenz war, dass ich mich gleich nach dem Frühstück ans Werk mache, mich an meinem Schreibtisch vergrabe, keine Ablenkungen oder Störungen an mich heranlasse. So schaffe ich in kurzer Zeit meist das, was ich früher manchmal an einem üblichen Arbeitstag nicht hinbekommen habe. Und ich habe rasch gemerkt, dass ich der Erschöpfungsfalle auch mal entgehen kann. Ist am späteren Nachmittag oder am Abend ein Termin, den ich nicht anders legen kann, dann "mache ich durch". Ich versuche, keine wirklichen Ruhepausen einzulegen, sondern immer in Aktion zu bleiben. Dann klappt’s auch mal am Abend. Natürlich kann ich das nicht täglich so machen, wer hält das schon aus? Aber ab und an funktioniert es prima.

Und ich habe gemerkt, dass Offenheit hilft. Seit meine Kunden von meiner Erkrankung wissen, sind sie immer bereit, Besprechungstermine mit mir am Vormittag stattfinden zu lassen. Sie kommen mir entgegen, ohne großes Aufheben darum zu machen. Es ist selbstverständlich geworden. Und für mich sehr beruhigend und erfüllend, ich merke, dass man mich unterstützen will.

Ich plane. Lange machte ich keine Pläne mehr, nahm die Tage, wie sie kamen, war ‚stolz’ darauf, wie geordnet ich mein Leben eingerichtet hatte. Alles war eingeteilt, Tagesablauf, Wohnung, Arbeitsleben, Freundeskreis, Familie. Ordnung, Pläne, Einteilung machten mein ‚neues’ Leben übersichtlich, einfach, klar, gut zu bewältigen. Und ein bisschen langweilig. Neue Anforderungen erschreckten mich, machten mich unsicher. ‚Werde ich dies schaffen? Passt es in mein eingeteiltes Leben? Kann ich die Erwartung erfüllen?’ Das ist seit kurzem anders. Ich traue mich, gehe mit einer gewissen Kühnheit an die Dinge heran. Oder auch mit ein bisschen Frechheit. Wenn man dies oder jenes von mir erwartet, scheint man es mir auch zuzutrauen, warum also sollte ich es mir nicht auch selbst zutrauen. Und wenn ich es mir zutraue, schaffe ich es auch. Schließlich bin ich ja nicht dumm. So einfach kann Leben sein. Oder: Wie kann man nur so naiv sein? Es ist eine Frage der Sichtweise, bin ich mutig oder ‚frech’? Eigentlich egal, Hauptsache ich schaffe es, enttäusche niemanden. Auch mich nicht.

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